Schulschluss in vielen Familien ein Drama:
Kaum Angebote für Kinder in psychischen Krisen!
Gerade zum Schulschluss sind SchulärztInnen besonders häufig mit gestressten und überforderten SchülerInnen und deren Eltern konfrontiert. Bereits vorhandene psychische Auffälligkeiten werden kurz vor der Zeugnisverteilung verstärkt sichtbar. Weitergehende psychische Hilfe und Behandlung zu organisieren stellt SchulärztInnen aber oft vor eine schwierige Herausforderung: Es mangelt an kinder- und jugendpsychiatrischen Angeboten, vor allem außerhalb des Zentralraums und im ambulanten Bereich. Und das, obwohl 20.000 unter 18-Jährige in Oberösterreich behandlungsbedürftig sind.
Es informieren Sie:
Dr. Peter Niedermoser, Präsident der Ärztekammer für OÖ
Dr. Till Preißler, Fachgruppenobmann der Kinder- und Jugendpsychiater/-innen
Dr. Maria Metzler, Fachgruppenobfrau der Schulärzt/-innen
Dr. Barbara Emhofer-Licka, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Wahlarztpraxis in Steyr
Redaktion: Mag. Isabella Ömer
Rückfragen:
Ärztekammer für OÖ, Mag. Susanne Sametinger
Tel. 0732/77 83 71-323, Mobil: 0664/987 66 16, E-Mail: sametinger@aekooe.or.at
Schulärzte: psychosozial-medizinische Interventionen steigen
30 Prozent der Arbeitszeit für seelische Leiden
Depressionen, Angst- und Panikzustände, Schlafstörungen, Selbstverletzungen, gestörtes Sozialverhalten: Mit diesen und ähnlichen Problemen ihrer jungen Patienten sind Schulärztinnen und Schulärzte laufend konfrontiert. Bei 71 Prozent von ihnen hat die psychosozial-medizinische Tätigkeit in den vergangenen Jahren zugenommen. Rund 30 Prozent ihrer Arbeitszeit wenden sie dafür auf.
„Gerade in den Wochen vor Schulschluss sind viele Kinder total gestresst. Sie bekommen Kopfweh oder Bauchweh, essen wenig oder verweigern im Extremfall den Schulbesuch. Wir Schulärzte haben dann viel zu tun, um die passende Hilfe zu organisieren“, schildert Dr. Maria Metzler, Fachgruppenobfrau der Schulärzte bei der Ärztekammer für OÖ.
27.000 Kinder und Jugendliche brauchen psychiatrische Hilfe
Etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen zwischen sieben und 18 Jahren zeigt psychische Auffälligkeiten. Rund ein Zehntel dieser Altersgruppe braucht psychiatrische Behandlung. Das sind in Oberösterreich ca. 27.000 junge Menschen. Wenn psychische Probleme länger bestehen, reicht oft ein einzelner Anlass, um eine akute Krise auszulösen.
„Anlässe für akute psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen gibt es gerade zu Schulschluss, wo viele, oft entscheidende Prüfungen anstehen. Es ist wichtig, hier rasch zu handeln, damit sich Symptome nicht verfestigen und womöglich in eine chronische seelische Erkrankung münden“, so Dr. Till Preißler, Kinder- und Jugendpsychiater in der Landes-Frauen- und Kinderklinik Linz und Fachgruppenobmann bei der Ärztekammer für OÖ
Kinderpsychiatrie: Steigende Nachfrage, kaum ambulante Angebote
Um die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung ist es in Oberösterreich schlecht bestellt. Im ganzen Bundesland gibt es nur zwölf Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Gleichzeitig wächst der Bedarf. Die ÄrztInnen in stationären Einrichtungen können den Andrang nur mehr unter größten Anstrengungen bewältigen. Dazu aktuelle Zahlen:
> Aufnahmen Station J 202 (Jugendpsychiatrie), Landesnervenklinik
2007: 199 Aufnahmen, 2009: 307 Aufnahmen, Hochrechnung 2010: 398 Aufnahmen
> Pflegetage Kinderpsychosomatik, Klinikum Wels-Grieskirchen
2007: 1.427 Tage, 2009: 2.113 Tage, Hochrechnung für 2010: 3.024 Tage
> Stationäre Zugänge Kinderpsychosomatik LKH Steyr
2007: 49 stationäre Zugänge, 2009: 100 Zugänge, Hochrechnung für 2010: 108 Zugänge
Das Problem: Stationäre Einrichtungen, die Hilfe anbieten können, befinden sich überwiegend im Zentralraum. Kinder und Jugendliche und deren Eltern müssen oft lange Anfahrtswege in Kauf nehmen. Ein weiteres Problem ist das Fehlen von ambulanten Angeboten.
Es fehlen Kinderpsychiater in den Bezirken
„Wir Schulärztinnen und -ärzte arbeiten eng mit stationären Einrichtungen zusammen. Doch nicht jedes seelisch auffällige oder erkrankte Kind braucht eine Klinik – sehr wohl aber einen Kinder- und Jugendpsychiater, der eine Diagnose stellt. Ohne Diagnose keine passende Therapie. Als Schulärztin stehe ich immer öfter vor der Frage, wo ich betroffene Schüler hinvermitteln soll“, so Schulärztin Dr. Maria Metzler.
„Für die Diagnose werden Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie gebraucht Der Zugang zu ihnen muss möglichst niederschwellig sein – das ist bei ambulanten Angeboten eher gegeben als in einem Spital“, ergänzt Dr. Till Preißler, „wie die weiterführende Behandlung aussieht, muss individuell entschieden werden: Da kann ein Kinderarzt gefragt sein, ein Psychologe oder eine Psychotherapeutin, oder eben wenn notwendig auch ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sehr oft ist auch die Zusammenarbeit mehrerer Stellen und Disziplinen notwendig.“
In Oberösterreich gibt es nur eine einzige niedergelassene Wahlärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Steyr, allerdings ohne Kassenvertrag.
„Wir brauchen unbedingt ein ambulantes Versorgungsnetz von Kinder- und Jugendpsychiatern in den Bezirken – und zwar auch mit Kassenvertrag, damit es für Eltern keine finanziellen Hemmschwellen gibt“, fordert Dr. Barbara Emhofer-Licka aus Steyr, Oberösterreichs einzige niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiaterin.
Dr. Barbara Emhofer-Licka, Wahlärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Hilfe für betroffene Kinder holen
Wenn Kinder und Jugendlich psychisch auffällig werden, hohen Leidensdruck haben oder in eine Krise schlittern, sollte das erwachsene Umfeld so schnell wie möglich professionelle Hilfe organisieren. Erste Ansprechpartner sind:
> HausärztInnen, SchulärztInnen und ÄrztInnen für Kinder- und Jugendheilkunde
> Psychosoziale Beratungsstellen (z.B. pro mente OÖ oder Exit Sozial), www.promenteooe.at, www.exitsozial.at
> Psychosozialer Notdienst, Notruf 0732 / 65 10 15
> Jugendservicestellen des Landes OÖ in allen Bezirken (für Erstgespräche und Weitervermittlung), www.jugendservice.at
> Schulpsychologischer Dienst
„Wenn Kinder in eine Krise schlittern, müssen Erwachsene handeln. Ärztinnen und Ärzte aus der Heimatregion bzw. der Schule des Kindes sind gut vernetzt und leiten an die richtige Stelle weiter“, so Dr. Peter Niedermoser, Präsident der Ärztekammer für OÖ.
Tipps für Eltern
Kinder und Jugendliche erwarten keine perfekten Eltern. Wichtig ist, dass eine gute und sichere Bindung entstehen kann. Dazu einige Anregungen:
> Respektieren Sie ihr Kind. Achten Sie seine Gefühle, seine Würde und Privatsphäre. Ihren Respekt drücken Sie auch dadurch aus, dass Sie Ihre Erwartungen deutlich erklären. Kinder und Jugendliche wollen wissen, was auf sie zukommt.
> Vermeiden Sie es, ihr Kind in peinliche Situationen zu bringen, denn diese untergraben die Selbstachtung. Manchmal müssen Sie es sogar davor schützen, sich selbst bloßzustellen, vor allem vor Gleichaltrigen.
> Zeigen Sie Interesse an Ihrem Kind. Fragen Sie nach seinen Gedanken und Ängsten. Ehrliches Interesse zeigt ihm, dass es ernst genommen wird.
> Übertragen Sie Ihrem Kind auch eigenständige Aufgaben und lassen Sie ihm Raum für eigenständige Entscheidungen, damit es Zutrauen in seine eigene Willens- und Urteilskraft gewinnen kann.
> Achten Sie darauf, dass Ihre Erwartungen realistisch und den Stärken und Schwächen Ihres Kindes angemessen sind. Durchschaubare und erfüllbare Erwartungen können motivieren. Unrealistische und unausgesprochene Erwartungen können jedoch Verwirrung und Angst auslösen.
> Erkennen Sie die Bemühungen Ihres Kindes ebenso an wie seine Erfolge. Heben Sie das Positive an den Bemühungen hervor und vermeiden Sie Kritik am Negativen. Betonen Sie auch stets den Lernzuwachs Ihres Kindes. Für seine Selbstachtung ist es wichtig zu spüren, dass es nicht nur liebenswert, sondern auch leistungs- und lernfähig ist. Die Beschreibung konkreter positiver Leistungen und Bemühungen ist dabei vorteilhafter als allgemeines Lob.
> Streichen Sie bei schulischen Misserfolgen Ihrem Kind nicht Hobbys, die ihm wichtig sind, z.B. den Fußballverein. Gerade durch solche Aktivitäten entwickeln Kinder und Jugendliche Selbstwertgefühl und lernen Konzentrations- und Durchhaltevermögen.
Redaktion: Mag. Isabella Ömer
Rückfragen richten Sie bitte an:
Mag. Susanne Sametinger
Ärztekammer für OÖ, Öffentlichkeitsarbeit & Presse
Mobil: 0664/987 66 16; Tel. 0732 / 77 83 71-323
E--mail: sametinger@aekooe.or.at, www.aekooe.or.at
1 Bundesschulärztebefragung 2009 der Österreichischen Ärztekammer.
2 Vgl. Lawrence Kerns, „Hilfen für depressive Kinder. Ein Ratgeber.“










